Illustration von zwei Personen, die Bücher lesen. Sabelskaya/iStock/Getty Images Plus
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Wikis als didaktisches Werkzeug

Prof. Dr. Birgit Eickelmann und Jun. Prof. Dr. Nadine Anskei
Lesedauer: 05:23

Wikis können als computerbasiertes didaktisches Werkzeug in verschiedenen Unterrichtsfächern eingesetzt werden. Dabei wird sowohl das fachliche Lernen unterstützt als auch die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen wie Kooperationsfähigkeit, Medienkompetenz und Sozialkompetenz. Die Integration von Wikis in den Unterricht ist leicht umzusetzen und der Lernerfolg stellt sich schnell ein. Auch die hohe Motivation, die die Schüler und Schülerinnen bei der Bearbeitung von Wikis an den Tag legen, unterstützt den Kompetenzerwerb. In diesem Beitrag erfahren Sie, was Wikis sind und worin ihr didaktisches Potenzial liegt.

Was sind Wikis?

Bei einem Wiki handelt es sich um eine Sammlung stark verlinkter Seiten, die über das WWW gelesen und direkt im Browser – also ohne zusätzliche Software direkt im Internet – bearbeitet werden können. „Wikiwiki“ ist ein hawaiianisches Wort und bedeutet so viel wie „schnell“ oder „sich beeilen“. Der Name „Wiki“ steht damit für die Kernidee, schnell und unkompliziert Inhalte zur Verfügung zu stellen. Die Wiki-Technologie ist eine der technischen Innovationen, die das Potenzial haben, den Unterricht zu bereichern, ohne dass große technische Kompetenzen und umfangreiche Einarbeitungszeiten bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften vorausgesetzt werden. Im Kern geht es darum, mediale Produkte gemeinsam zu gestalten und kollaborativ Texte zu schreiben.

Vorteile von Wikis

  • Jeder kann ohne Vorkenntnisse in einer Wiki-Umgebung Texte schreiben, gestalten und bearbeiten.
  • Hilfreich sind dabei die vorbereitete Struktur und vor allem die Icons zum Anklicken, die das Erzeugen und Verändern von Texten und des gesamten Wikis ganz einfach machen.
  • In Wikis können lineare Fließtexte geschrieben werden, vor allem aber auch nicht-lineare, sogenannte Hypertexte, die durch Querverweise (Links) Textteile miteinander verknüpfen.
  • Auch Bilder, Fotos und Links auf Internetseiten können einfach eingebunden werden.

Der folgende Screenshot (Bildschirmkopie) zeigt eine beispielhafte Wiki-Seite, die von einer Berufsschülerin erstellt wurde. Sie hat erstmalig mit einem Wiki gearbeitet und in der Einführungsstunde einen persönlichen Steckbrief gestaltet:

Was können Wikis?

Wikis können im Unterricht aller Fächer eingesetzt werden. Hier finden Sie ein konkretes Beispiel aus dem Deutschunterricht. Hinter dem Vorschlag, Wikis im Unterricht einzusetzen, steckt vor allem die Idee, die Vorteile von Wikis für konstruktivistisch ausgerichtete Lernprozesse zu nutzen, Wissen selbstgesteuert zu generieren, zu vernetzen, im sozialen Austausch mit anderen zu erzeugen und sowohl das Lernergebnis als auch den Lernprozess zu reflektieren. Dazu kommt, dass Wikis einfach zu bearbeiten und weiterzuentwickeln sind. Damit bieten sie eine motivierende und kompetenzorientierte Möglichkeit, schon in den unteren Jahrgangsstufen Schülerinnen und Schüler an die lernunterstützende Nutzung von Computer und Internet heranzuführen.

Dabei sind folgende drei Grundbausteine von Wikis ganz zentral:

Hyperlink-Funktionalität

In die Texte und die gestalteten Wiki-Seiten können Querverweise (Hyperlinks) auf andere Stellen im Text eingebaut werden. Dadurch entsteht ein Hypertext. So kann auch auf Internetseiten außerhalb des Wikis verlinkt werden (z. B. auf die Schulhomepage, die Webseite des besuchten Museums etc.). So wird Wissen strukturiert und neues Wissen mit bekannten Inhalten verbunden. Diese Struktur wird von den Nutzenden, also von den Schülerinnen und Schülern, selbst erstellt. Es bietet sich an, mit kleinen Lernaufgaben in das Lernen mit Wikis einzuführen und zunächst lineare Texte, das heißt Texte ohne Querverweise und Links, zu erstellen und schrittweise an die Hypertexterstellung heranzuführen. Dazu können die ersten Texte entweder erweitert werden, es kann aber auch nach der Einführungsphase direkt mit Hypertextstrukturen gearbeitet werden.

Versionenverwaltung

Sehr hilfreich für die Texterstellung und die Begleitung des Erstellungs- und Lernprozesses durch die Lehrkraft ist die sogenannte Versionenverwaltung. Diese erlaubt es den Benutzenden, eine frühere Version eines Textes oder der gesamten Seite im Wiki anzuzeigen und wenn gewünscht auch wiederherzustellen, um z. B. die letzten Änderungen rückgängig zu machen. So wird gewährleistet, dass keine Beiträge verloren gehen. Je nach Wiki-System werden zusätzlich Angaben wie Datum, Uhrzeit und Autor bzw. Autorin dokumentiert und können per Mausklick angezeigt werden. Schreiben beispielsweise mehrere Schülerinnen und Schüler an einem gemeinsamen Wiki (das kann auch von verschiedenen Computerarbeitsplätzen aus geschehen), ist für Sie ebenso wie für die Lehrperson leicht nachvollziehbar, wer welchen Textteil geschrieben oder überarbeitet hat. Für den Sprachunterricht im Fach Deutsch oder in den Fremdsprachen ist die Möglichkeit, zwei ausgewählte Versionen des Textes automatisch zu vergleichen und nebeneinander anzeigen zu lassen, besonders bereichernd. Textänderungen, Löschungen und Hinzufügungen werden in unterschiedlicher Weise grafisch und farblich hervorgehoben und machen den Überarbeitungsprozess sichtbar.

Folgender Screenshot verdeutlicht die Vorteile dieser Funktion gegenüber klassischen Schreibprogrammen:



Versionenverwaltung didaktisch nutzen

Die Versionenverwaltung ist vor allem für das Nachvollziehen der Revisionen in Schülertexten und der Überarbeitungsprozesse durch die Lehrkraft und sogar durch Mitschüler und Mitschülerinnen sehr gut nutzbar.


Diskussionsseiten

Neben den Benutzer- und Artikelseiten gibt es im Wiki eine Diskussionsseite. Diese kann genutzt werden, um Rückmeldungen zu einem Text zu geben und Kommentare sowie Anregungen zu einer Wiki-Seite zu hinterlassen. Das ist vor allem bei kooperativen Textproduktionen für den Austausch zwischen den verschiedenen Autoren und Autorinnen nützlich. Zugleich ermöglicht diese Wiki-Funktion es der Lehrkraft, die von Schülerinnen und Schülern erstellten Seiten aufzurufen und begleitend zum Schreib- und Lernprozess Kommentare und Anregungen anzubringen.


Oft wird die Diskussionsseite auch zur Kommunikation über das weitere Vorgehen genutzt. Das fördert das kollaborative und soziale Lernen, denn Meinungsverschiedenheiten über Inhalte können zunächst über das Wiki-System ausgetauscht werden, bevor der Wiki-Artikel verändert wird. Auch im Rahmen einer Kooperation von verschiedenen Klassen oder Schulen sind Diskussionsseiten von unschätzbarem Wert, da sie z. B. das wechselseitige Kommentieren und Nachfragen ermöglichen, ohne dass direkt in den Text eingegriffen wird. Für die Lehrkraft ist es praktisch, dass bei jeder neuen Seite in einem Wiki, den sogenannten Artikelseiten, automatisch eine Diskussionsseite mit angelegt wird, die genutzt werden kann, aber nicht muss.

Welchen Mehrwert bieten Wikis für den Unterricht?

Neben den bereits angesprochenen Vorteilen ermöglichen Wikis ein schülerorientiertes Arbeiten im eigenen Lerntempo, das fachliche und überfachliche Kompetenzen stärkt. Variationen von Aufgaben, Lernangeboten und Lerngeschwindigkeiten sowie kooperatives, eigenständiges und soziales Lernen tragen dabei zur Individualisierung von Unterricht bei.

Eigenständiges und kompetenzorientiertes Lernen mit Wikis

Durch den Einsatz von Wikis wird computergestütztes Lernen gefördert. Arbeitsergebnisse sind dabei sofort sichtbar. Die Schülerinnen und Schüler können im eigenen Lerntempo und auch – setzt man das Vorhandensein eines an das Internet angebundenen Computers voraus – von zu Hause arbeiten. Ergebnisse werden dokumentiert, können erweitert, nachgearbeitet und wiederholt werden. Der Wiki-Einsatz fördert nicht nur individuelles Lernen, sondern stärkt auch verschiedene Kompetenzen bei den Lernenden:
  • Fachkompetenzen
  • Methodenkompetenzen
  • Sozialkompetenzen
  • persönliche Kompetenzen
  • computer- und informationsbezogene Kompetenzen
Außerdem ist das Erstellen von Hypertexten zukunftsweisend und fördert Kompetenzen wie sie etwa die neue PISA-Studie im Zusatzmodul „Electronic Reading Assessment“ (Lesen elektronischer Texte) testet. Die Voraussetzungen, die Wikis mit sich bringen, lassen sich zudem in Konzepte des eigenverantwortlichen Lernens einbinden, indem eigenständiges Erarbeiten von Lerninhalten, das selbstständige Erzeugen von Lernprodukten und eigenverantwortliches Lernen unterstützt werden.

Kollaboratives Lernen mit Wikis

Eine für konstruktivistisches Lernen typische Arbeitsform ist das kollaborative Arbeiten. Hierbei wird gemeinsam ein Gruppenziel verfolgt und die Konstruktion von Wissen im sozialen Miteinander wird gezielt gefördert. Diese Art des Lernens ermöglicht ein persönliches, individuelles Lernen, aber auch Engagement in einer Lerngruppe. Man ist gemeinsam für den Erfolg des Gruppenziels verantwortlich und hat gleichzeitig die Möglichkeit, andere Gruppenmitglieder zu unterstützen und positiv auf deren Entwicklung einzuwirken. Wikis machen es möglich, die Trennung zwischen Autoren oder Autorinnen und Rezipienten aufzuheben und die Grenzen zwischen passivem Lesen und aktivem Lernen zu verwischen. Durch die zwei wesentlichen Prinzipien der Wiki-Technologie, zum einen der einfachen Editierbarkeit und zum anderen der Link-Struktur, wird die kollaborative Erstellung von Texten und digitalen Produkten gefördert.

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