Wikis Schule - Illustration von zwei Personen, die digital arbeiten. Shendart/iStock/GettyImages
Unterrichtsdurchführung | Methoden | Digitalisierung

Wikis im Sprach- und Projektunterricht am Beispiel einer Schülerzeitung

Prof. Dr. Birgit Eickelmann und Jun. Prof. Dr. Nadine Anskei
Lesedauer: 06:17 min

Lesen Sie hier, wie anhand des konkreten Unterrichtsprojekts „Wiki-Schülerzeitung“ die Potenziale der Wiki-Software im Unterricht genutzt werden können. Ein Plus für den Unterricht sind hierbei die Möglichkeiten, die Zeitung über einen längeren Zeitraum mit immer wieder neuen Auflagen entstehen zu lassen, fächerverbindend und übergreifend Inhalte zu entwickeln und verschiedene Projekte zu verwirklichen, ohne dass alte Versionen in Vergessenheit geraten. Alternativ ist auch die Dokumentation einer Projektphase denkbar. Dabei kann das Wiki nicht nur den Lernprozess dokumentieren, sondern auch das Produkt sein, das am Ende der Projektphase steht.

Diese Beispiele decken natürlich längst nicht alle Möglichkeiten ab, die Wikis für den modernen Unterricht bieten. Zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten von Wikis im Unterricht finden sich im Internet (z. B. unter lehrer-online oder Wikis in der Schule). Zum Teil liegen dort und an anderen Fundorten im Internet auch komplett ausgearbeitete Unterrichtsreihen vor.

Didaktisch-methodische Vorüberlegungen

Zu Beginn des Projekts bzw. des Einsatzes von Wikis im Unterricht steht eine Wiki-Einführung (siehe xxx). Die Idee ist, in der Einführung die Technik vom Inhalt zu trennen und durch die Investition einer Zeiteinheit am Anfang, späteren Schwierigkeiten, die durch die Kombination der Einführung neuer Inhalte und neuer Methoden entstehen können, vorzubeugen. Dies kommt insbesondere lernschwächeren Schülerinnen und Schülern entgegen. Durch den hohen Motivationsgehalt und die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, sind aber auch lernstärkere Schülerinnen und Schüler oder solche mit umfassenderem technischem Vorwissen mit diesem Vorgehen nicht unterfordert. Zudem können sie dazu angehalten werden, anderen Schülerinnen und Schülern zu helfen. Ein erstes Lehr-/Lernziel ist in diesem Ansatz bereits das Erlernen der Wiki-Syntax zur Formatierung von Wiki-Beiträgen. Wird das Schreiben einer Schülerzeitung dem Fach Deutsch zugeordnet, so zielt diese Unterrichtsreihe oder dieses Unterrichtsprojekt aus fachlicher Sicht darauf ab, freie Texte kreativ zu verfassen, die Notwendigkeit regelgerechter Schreibung zu erkennen und gemeinschaftlich ein Gesamtwerk zu erstellen. Hierbei tauschen sich die Schülerinnen und Schüler über die durchgeführte Recherche aus, produzieren Hypertexte im Wiki und verbinden die entstehenden Artikel untereinander sowie mit ihren Benutzerseiten. Eine Anbindung oder ein Einstieg über andere Fächer kann sich durchaus auch anbieten. Die Wiki-Technologie eignet sich jedoch anfangs eher für sprachbasierte Fächer als für mathematisch-naturwissenschaftliche.

Während des gesamten Projekts übernehmen die Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für das Erreichen des Gruppenziels: Sie erstellen als Gruppe die Online-Schülerzeitung mit Artikeln zu gemeinsam vereinbarten Themen. Diese Schülerzeitung kann später auf der Schul-Homepage veröffentlicht bzw. verlinkt werden. Jede Gruppe übernimmt jeweils Verantwortung für die eigenen Arbeitsbereiche und auch für die Richtigkeit der Inhalte. Die Lerngruppe erkennt die Wichtigkeit der Kooperation, diskutiert und beschließt gemeinsam, wer welche Aufgaben übernimmt. So entwickeln sich kooperative Ideen und die Schülerinnen und Schüler arbeiten im Team zusammen. Sie korrigieren gegenseitig ihre Texte und unterstützen sich bei der Anwendung der Syntaxpatterns. Sozial-kommunikatives Lernen bekommt durch die Wiki-Technologie ein ganz neues Ausmaß. Über die Diskussionsseiten treten die Lernenden in die Diskussion über ihre Lerninhalte und den Lernprozess ein, sie wertschätzen gegenseitig ihre Arbeiten und nehmen auch die Möglichkeit wahr, in angemessener Weise Kritik zu äußern.

Durchführung des Projekts und Potenziale der Wiki-Technologie

Nachdem die Schülerinnen und Schüler in das Arbeiten mit der Wiki-Technologie eingeführt wurden, kann direkt mit der Arbeit an einem Wiki begonnen werden. Ein solches Wiki kann beispielsweise eine Klassen- oder Schülerzeitung sein. Für die Durchführung im Unterricht bieten sich folgende Unterrichtsphasen oder Projektschritte an:

Phase 1: Einführung und Themenwahl für die ersten Wiki-Beiträge

Die Schülerinnen und Schüler suchen im Internet nach Ideen, wie eine Klassen- oder Schülerzeitung aufgebaut sein kann und was sie beim Verfassen von Artikeln berücksichtigen müssen. Für die Themenwahl der ersten Ausgabe bieten sich konkrete Anlässe aus dem gemeinsamen Schulleben an, z. B. Wandertage, Klassenfahrten, Projektwochen, Feste oder Arbeitsgemeinschaften im Ganztag. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern werden erste Vorschläge für Artikel gesammelt. Nachdem die Struktur des Wikis gemeinsam besprochen und festgelegt wurde, werden grundlegende Kenntnisse zum Verfassen sachlicher Berichte oder die Darstellung von fachlichen Inhalten erarbeitet. Gemeinsam mit der Lehrkraft können generelle Kriterien und mögliche Gliederungspunkte für das Erstellen der Artikel festgelegt werden. Je nach Thema und Inhalt des zu erstellenden Wiki-Beitrags können solche Gliederungspunkte für alle Artikel als Vorlage genutzt werden. In dieser Phase wird auch schon überlegt, welche Möglichkeit es gibt, Artikel mit Fotos, Bildern sowie Video- oder Audiobeiträgen zu unterstützen und zu gestalten. Der Vorteil von Wikis liegt hier in der Ansprache verschiedener Lernkanäle, die von den Schülerinnen und Schülern selbst bestimmt werden können. Die Einbindung weiterer Medien fördert auch die Medienkompetenz und gibt Raum für die Kreativität der Lernenden.

Phase 2: Recherchen für die Artikel

Jede Schülerin und jeder Schüler verfasst allein oder zu zweit einen Beitrag für das Gesamtprodukt, also z. B. einen Artikel oder Abschnitt für die Zeitung oder die Projektdokumentation. Je nach Themenstellung und Inhalt der Artikel bekommen die Schülerinnen und Schüler Zeit, die Recherche für ihre Beiträge durchzuführen, Fotos zu machen, Bilder zu malen oder vielleicht sogar Interviews zu führen. Das zusammengetragene Material wird im Unterricht erstellt oder mit in den Unterricht gebracht und bietet die Vorlage für die ersten Wiki-Beiträge.

Phase 3: Erstellung der Wiki-Texte

Im ersten Durchgang sollte vor allem in unteren Klassenstufen die globale Struktur des gesamten Wikis von der Lehrkraft schon im Vorfeld erstellt werden. So können sich die Schülerinnen und Schüler auf die Produktion der Texte und die Kooperation mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern konzentrieren. Sie bekommen die Möglichkeit, sich mit den Strukturen eines Hypertextes vertraut zu machen, ohne dabei den Fokus auf den eigenen zu erstellenden Text zu verlieren. Mit wenigen Mausklicks gelangen die Lernenden auf diese Weise zu ihren Artikeln und können das zusammengetragene Material direkt im Wiki zu einer Texterstfassung über ihr Thema einstellen. Abschließend können sie ihren eigenen Artikel mit anderen Artikeln oder wenn sinnvoll mit dem in der Wiki-Einführung erstellten Steckbrief verlinken, sodass weitere Formen der Wiki-Syntax eingeübt werden und gleichzeitig eine direkte Beziehung zwischen Autorengruppe und Lernprodukt entsteht.

Phase 4: Gegenseitiges Lesen und Kommentieren

Nun bekommen die Mitschülerinnen und Mitschüler die Möglichkeit, die Artikel oder Beiträge der anderen zu lesen und auch formale Kommentare, Lob und Kritik können auf diese Weise geäußert werden, ohne dass direkt in die Artikel der Autorengruppen eingegriffen wird. Diese Form der gemeinsamen Textüberarbeitung kann entweder frei erfolgen oder durch Vorgaben der Lehrkraft (z. B. konkrete Überarbeitungsbögen oder Leitfragen) begleitet werden. Für das Überarbeiten der Artikel bieten sich auch bekannte Methoden der Textüberarbeitung wie z. B. eine Schreibkonferenz an, auf die je nach fachlicher Einbindung besonders fokussiert werden kann.

Phase 5: Überarbeitung der Artikel

Im nächsten Schritt sollen die Gruppen bzw. die einzelnen Schülerinnen und Schüler die Kommentare zu ihrem Artikel lesen und dazu nutzen, ihren Text zu überarbeiten. Hilfestellungen durch die Lehrkraft können diesen Prozess der Textüberarbeitung unterstützen. Beim ersten Durchgang sollten in jedem Fall zunächst die Vorteile der Textüberarbeitung am PC besprochen werden und einfache Funktionen wie das Kopieren und Einfügen von Textteilen vor allem in unteren Klassenstufen gezeigt werden. Anknüpfend an das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler können somit die Überarbeitungsstrategien eingeübt und weiterentwickelt werden. Am Text vorgenommene Verbesserungen werden durch die Möglichkeit des Versionenvergleichs für Lernende und Lehrkraft nachvollziehbar gespeichert. Somit besteht die Möglichkeit, die Überarbeitungsprozesse und Entwicklung einer Textfassung zu rekonstruieren und zu begleiten.

Phase 6: Endredaktion

Nach der Textüberarbeitung bekommen die Autoren und Autorinnen noch einmal Zeit, ihren Beitrag für die Veröffentlichung zu gestalten. Nun können sie Fotos und Bilder einfügen, Text formatieren und z. B. Schriftfarben verändern. Der fertige Artikel kann noch einmal von der Lehrkraft oder von Mitschülerinnen und Mitschülern geprüft werden. Studien haben gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler beim produktorientierten Arbeiten mit digitalen Medien besonders motiviert sind – daher ist das Veröffentlichen der Wikis ein folgerichtiger Schritt.

Urheberrechte beachten

Achten Sie unbedingt darauf, dass Bildmaterialien oft mit einem Copyright belegt sind. Es muss sichergestellt sein, dass die Wiki-Seiten, sobald sie im Internet veröffentlicht sind, keine Urheberrechte verletzten. Möglicherweise ist es notwendig, sie passwortgeschützt zu veröffentlichen.

Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis

Das beschriebene Konzept wurde in ähnlicher Weise im Rahmen einer internationalen Schulpartnerschaft an einem Berufskolleg erprobt und gewann 2011 den von der Landesregierung NRW ausgeschriebenen Wettbewerb für bürgerliches Engagement (Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahr 2011/12). Das Projekt zeigte, inwieweit eine deutsch-polnische Wiki-Zeitung den Austausch und die Zusammenarbeit junger Menschen aus verschiedenen Ländern fördert. Ziel war es, zweisprachige Artikel über die Stätten des Strukturwandels zu verfassen. Nach der Wiki-Einführung und dem Verfassen der eigenen Steckbriefe auf Polnisch, Deutsch und/oder Englisch erstellten die Schülerinnen und Schüler Artikel für die Wiki-Zeitung. Es entstanden Highlight-Berichte zum Schüleraustausch von deutsch-polnischen Teams sowie sachliche Berichte von polnisch-polnischen und deutsch-deutschen Teams. Die Wiki-Zeitung wurde in einem Wiki der ZUM-Wiki-Family realisiert und kann hier gelesen werden (vgl. Anskeit 2012).


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