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Lerncoaching im Fernunterricht nach dem Kieler Modell

Gudrun Müller, Ralf Pollei
Lesedauer: 5:00 Minuten

Im virtuellen Klassenzimmer ist es nicht einfach, auf das unterschiedliche Leistungsvermögen der Lernenden einzugehen. Zum einem kommt die individuelle Förderung viel zu kurz. Zum anderen ist der persönliche Kontakt mit den Schüler:innen eine große Herausforderung. Hier hilft ein Lerncoaching nach dem Kieler Modell! Mit den richtigen Fragen und der passenden Haltung können Sie Lernende mit Lernschwierigkeiten spürbar unterstützen – auch im Fernunterricht.

Was verbirgt sich hinter den Begriffen Lerncoaching und Kieler Modell?

Beim Lerncoaching nach dem Kieler Modell gemäß Hameyer und Pallasch lernen Schüler:innen ihren Lernprozess selbst zu gestalten. Zunächst wird mit den Lernenden gemeinsam die Problemstellung besprochen. Danach werden realistische Ziele definiert und die passenden Lösungen erarbeitet. Dabei liegt der Fokus auf der Individualität und auf den Stärken der oder des Lernenden. Auf diese Weise werden Lernschwierigkeiten überwunden und der Lernprozess optimiert unabhängig vom Lernstoff. Lerncoaching nach dem Kieler Modell richtet sich somit stark nach der persönlichen Situation der oder des Lernenden. Diese besondere Hilfestellung bei Lernproblemen ist für den Distanzunterricht hervorragend geeignet.

 

Die Haltung im Lerncoaching – 5 wichtige Aspekte

Für einen erfolgreichen Lerncoachingprozess ist es einerseits wichtig, selbstreflektiert zu sein. Behalten Sie die eigenen Gedanken im Auge. Andererseits sollten Sie als Lerncoach eine bestimmte Haltung verinnerlichen. Diese ist von den folgenden Aspekten geprägt:

  1. Nicht-Wissen:
    Mutmaßungen sind im Coachingprozess hinderlich und somit fehl am Platz. Denn Interpretationen entsprechen nicht der Realität. Folglich führen sie zu Lösungsversuchen, die am Ende gar nicht hilfreich sind oder nicht umgesetzt werden. Auch wenn Sie von Verhaltensmustern oder familiären Problemen einer oder eines Lernenden wissen, darf dies den Coachingprozess nicht beeinflussen. Prüfen und hinterfragen Sie stets Ihre Vorannahmen – vielleicht ist alles ganz anders, als Sie glauben.
  2. Neugierde und Offenheit:
    Überlegen Sie vor einem neuen Lerncoachingprozess, welche Fakten tatsächlich vorliegen. Denken Sie im Anschluss über Ihre Vermutungen nach. Die Unterscheidung wird Ihnen helfen, um voreilige Schlüsse zu vermeiden. Bleiben Sie stattdessen neugierig und offen für alles, was für die oder den Lernenden tatsächlich problematisch und nützlich ist.
  3.  Lernende als Experten betrachten:
    Nicht der Lerncoach, sondern die Schülerin bzw. der Schüler weiß, was gut für sie oder ihn ist. Die Lernenden in Ihrer Expertise wahrzunehmen ist beim Hybridunterricht oder im Fernunterricht besonders wichtig. Denn hier haben Lehrkräfte noch weniger Einblicke in das echte Leben der Lernenden als sonst. Glauben Sie daran, dass die Schülerinnen und Schüler die Fähigkeit besitzen, das Problem zu lösen. Sie benötigen auf diesem Weg lediglich etwas Unterstützung.
  4.  Wertschätzung:
    Bei der Arbeit mit dem Kieler Modell konzentrieren Sie sich auf die Stärken und die Fortschritte der Lernenden. Auf dieser Grundlage arbeiten Sie mit den Schüler:innen an der Entdeckung persönlicher Ressourcen. Dabei steht im Vordergrund, was bereits gelungen ist. Außerdem wird besprochen, wie schwierige Situationen in der Vergangenheit gemeistert wurden. Das kann ein Hinweis darauf sein, mit welchen Lösungsmechanismen aktuelle Probleme gelöst werden könnten.
  5. Sich selbst als Lernenden sehen:
    Auch Sie als Lehrkraft befinden sich in einem Lernprozess mit jeder Schülerin und jedem Schüler, mit der oder mit dem Sie im Lerncoaching arbeiten. Fordern Sie also nicht mehr von sich selbst als das, was möglich ist. Nehmen Sie den Druck für sich und andere raus. Denn gerade im Fernunterricht ist es notwendig, die Erwartungen zu reduzieren und immer wieder Neues auszuprobieren. Scheitern und Anpassen gehört zu dem Prozess dazu! 

Übrigens: Diese Haltung ist für Ihre Rolle als Lehrkraft grundsätzlich empfehlenswert, denn sie dient als grundlegende Basis für eine vertrauensvolle Beziehung innerhalb der Schulklasse.

 

Gesprächsbausteine im Lerncoaching

Verinnerlichen Sie die folgenden Bausteine für einen erfolgreichen Coachingprozess:

  • Aktives Zuhören – zeigen Sie sich neugierig und interessiert
  • Paraphrasieren – geben Sie das Gesagte in eigenen Worten wieder. Finden Sie passende Umschreibungen.
  • Reframing – Deuten Sie Probleme oder benannte Defizite in etwas Nützliches um.
  • Schweigen – Halten Sie Gesprächspausen aus und geben Sie genügend Zeit für Antworten.
  • Komplimente – Geizen Sie nicht mit Lob. Heben Sie es deutlich hervor, wenn etwas gut gelungen ist.
  • Vertiefendes Nachfragen – Ihre Neugierde wird Sie zu den passenden Fragen führen. So arbeiten Sie sich Schritt für Schritt vor, um das Problem und die Ressourcen Ihres Gegenübers aufzudecken.

Die richtigen Fragen stellen – das Handwerkszeug im Lerncoaching

Sprache kann verbinden oder entzweien. Im lösungsorientierten Lerncoaching kommt es stark darauf an, wie Sie Fragen formulieren und welche Wörter Sie verwenden. Dabei sollten die Fragen wie folgt gestellt werden:

  • Möglichst offen, um genügend Spielraum für die Antwort zu geben.
  • So konkret wie nötig, damit Sie ein gemeinsames Verständnis im Arbeitsprozess aufbauen.
  • Stets weg vom Problem, jedoch hin zur Lösung: Vermeiden Sie die Frage nach dem Warum.
In Abhängigkeit von dem Status der gemeinsamen Arbeit können die folgenden Fragen einfließen:

  • Fragen Sie zukunftsorientiert statt vergangenheitsbezogen. Das ist für die genaue Klärung der aktuellen Herausforderung und für die Definition des Ziels essenziell.
  • Stellen Sie ressourcenorientierte Fragen, statt den Fokus auf mögliche Defizite zu legen. Das ist besonders für den Prozess der Lösungsfindung zu empfehlen.
  • Systemische Fragen und Beziehungsfragen helfen Ihnen dabei, die nächsten Schritte für das Lerncoaching zu definieren. Hier kann ebenso überlegt werden, welche Personen sonst noch unterstützen könnten.

Sie wollen Ihr Repertoire an Fragen aufbessern? In diesem Beitrag erhalten Sie noch mehr Infos, jede Menge Beispiele und Ideen für ein erfolgreiches Lerncoaching nach dem Kieler Modell. 

 

Was beim Lerncoaching sonst noch wichtig ist

Bevor Sie mit dem Lerncoaching nach dem Kieler Modell beginnen, sollten Sie sich diese Punkte ebenfalls zu Herzen nehmen:

  1. Seien Sie ehrlich interessiert.
    Machen Sie sich keinen Druck, um die richtigen Fragen zu stellen. Dadurch wirken Sie abgelenkt. Legen Sie stattdessen immer den Fokus auf die Schülerin oder den Schüler. Denn viel wichtiger ist es für die Lernenden, dass Sie sich interessiert zeigen und mitfühlend sind. Mit ein wenig Übung kommen die richtigen Fragen ganz von allein.
  2. Vermeiden Sie gut gemeinte Ratschläge.
    Auch wenn es Ihnen noch so sehr auf der Zunge liegt: Unterlassen Sie es, Ratschläge zu erteilen. Die Chancen auf Verbesserung stehen viel höher, wenn die Lösung durch die Lernenden mitgestaltet wird.
  3. Haben Sie Vertrauen in Ihr Können.
    Mit diesen Tipps haben Sie bereits eine hervorragende Grundlage, um Schüler:innen mit Lernproblemen zu unterstützen. Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Interesse bereits einen Unterschied macht. Erinnern Sie sich an die Haltung und lassen Sie die beschriebenen Fragen in die Gespräche locker einfließen.