Vernetzung von Punkten in farblichem Schema - inklusiver Unterricht enjoynz/Digital Vision Vectors/Getty Images
Inklusion | Digitalisierung

Diklusion – Einstieg in einen inklusiven digitalen Unterricht

Lea Schulz
Lesedauer ca. 4 Minuten
Diklusion ist ein Begriff, der sich zunächst als Hashtag verbreitet und mittlerweile nicht nur beim Nachrichtendienst Twitter als ein gebräuchliches Wort – vor allem im Lernbetrieb – etabliert hat!
Die Verbindung aus den Begrifflichkeiten digitale Medien und Inklusion beschreibt die Verknüpfung der dahinterstehenden grundlegenden Themen, welche zentrale Herausforderungen unseres Bildungssystems sind. Allerdings sollte das langfristige Ziel innerhalb der Prozesse von Schulentwicklung sein, diese Begriffe in Zukunft nicht mehr zu verwenden. Sowohl Inklusion (insbesondere nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009) als auch der Einsatz digitaler Medien sollten im Alltag aller Schulen eine Selbstverständlichkeit darstellen, die möglichst in einigen Jahren nicht mehr mit einem „Etikett“ belegt werden muss, da sie Teil des Schullebens sind. Das Ziel jedoch bleibt zunächst bestehen: Möglichkeiten und Chancen der Verknüpfung prüfen und weiterentwickeln, um somit die Qualität eines „diklusiven“ Unterrichts zu steigern und die Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen!

Begriffe und Grundlagen

Im Folgenden werden die notwendigen Begrifflichkeiten, Zusammenhänge sowie Modelle eines diklusiven Unterrichts erläutert.
  • Im ersten Teil werden zunächst die Planung und die notwendigen Rahmenbedingungen von diklusivem Unterricht in den Fokus genommen.
  • Im zweiten Teil wird das Lernen durch assistive Medien erläutert. Es werden verschiedene Hilfestellungen für beeinträchtigte oder benachteiligte Schülerinnen und Schüler vorgestellt und auch rechtliche Aspekte wie der Nachteilsausgleich mit digitalen Medien erläutert.

Hinweis

Apps, Webseiten und genannte weitere Software können neben einer Vielzahl unbedenklicher auch datenschutzrechtlich bedenkliche Funktionalitäten enthalten. Die lokalen Datenschutzbestimmungen vor Ort sind durch den Anwender oder die Anwenderin in jedem Fall vorab zu überprüfen und entsprechend umzusetzen!

Bildung für alle – Digitale Medien und Inklusion in der Schule

Die Ziele von Inklusion entsprechen dem Bildungsbegriff nach Klafki (2007), der Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreift, die aus dem Zusammenspiel dreier Grundfähigkeiten besteht: die Selbstbestimmungsfähigkeit, die Mitbestimmungsfähigkeit und die Solidaritätsfähigkeit.

Eines seiner drei Grundprinzipien (vgl. Klafki 2007, S. 53) ist die „Bildung für alle“, das auch in diesem Beitrag als Leitkategorie Anwendung finden wird. Inklusion wird somit im Sinne der „Bildung für alle“ als eine Möglichkeit zur Teilhabe für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von festgestellten Beeinträchtigungen oder Förderschwerpunkten verstanden. Damit wird – entgegen der häufig umgangssprachlichen Verwendung in schulischen Kontexten (bspw. als Synonym zur Integration von Kindern mit einem Förderbedarf) – von einem breiten Inklusionsbegriff ausgegangen, bei dem alle Menschen mit und ohne Behinderung durch die Gewährung von dafür notwendigen Hilfen gleichrangig am Unterricht und damit an der Gesellschaft teilhaben dürfen (vgl. Kullmann 2014, S. 90). Somit sollen alle Schülerinnen und Schüler „in der Erreichung ihrer individuellen Lernziele unterstützt werden“ (vgl. Powell 2013, S. 141f.). Textor (2015, S. 37) weist darauf hin, dass „Inklusion“ nicht zwingend ein wissenschaftlicher Begriff ist, sondern „ein politisch geprägter“, der daraufhin in die Wissenschaft eingeführt wurde.

Einen weiteren Bezugspunkt dieses Beitrags beschreibt das zweite Kernthema: die digitalen Medien. In diesem Beitrag wird sich an der Mediendefinition von Petko (2014, S. 13) orientiert:

Medien sind einerseits kognitive und andererseits kommunikative Werkzeuge zur Verarbeitung, Speicherung und Übermittlung von zeichenhaften Informationen.

Auch bei der Strategie der Kultusministerkonferenz von 2016 wurde für die digital-inklusive Bildung darauf verwiesen, dass …

„[...] die Berücksichtigung des digitalen Wandels dem Ziel dient, die aktuellen bildungspolitischen Leitlinien zu ergänzen und durch Veränderungen bei der inhaltlichen und formalen Gestaltung von Lernprozessen die Stärkung der Selbstständigkeit zu fördern und individuelle Potenziale innerhalb einer inklusiven Bildung auch durch Nutzung digitaler Lernumgebungen besser zur Entfaltung bringen zu können.“ (KMK 2016, S. 4)

Digitale Medien bieten damit eine Perspektive für den inklusiven Unterricht zur Ermöglichung der Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler und zur Verbesserung der Qualität. Die Vernetzung der Bereiche Inklusion und digitale Medien allerdings ist jedoch noch nicht ausreichend vorangeschritten.

Im Folgenden wird der Entwurf eines Fünf-Ebenenmodells für den Einsatz digitaler Medien im inklusiven Kontext beschrieben.

Ebenenmodell zum Einsatz digitaler Medien im inklusiven Kontext

Die verschiedenen Aspekte zum Einsatz digitaler Medien im inklusiven Kontext in Bezug auf das diklusive Lernen und Unterrichten lassen sich in fünf Ebenen (vgl. Abb. 1) zusammenfassen, die im Folgenden beschrieben werden (nach Schulz 2018, S. 346ff.).

inklusiver Unterricht
Abb. 1: Einsatz digitaler Medien in inklusiven Kontexten: Lehren/Lernen mit, über und durch Medien (Schulz 2018, S. 346)

  • Auf der ersten Ebene steht das Individuum, als die Schülerin oder der Schüler, im Zentrum der Betrachtung (Lernen DURCH Medien). Die digitalen Medien werden hier im Sinne einer Hilfsfunktion verwendet, um als Unterstützung im Lernprozess zu dienen. Die Schülerinnen und Schüler haben dadurch die Chance, an Bildung und am Unterricht teilzuhaben. Beispiele sind der so genannte Screen-Reader, der die Bildschirminhalte vorlesen kann oder Übersetzungs-Apps, die von einer anderen Muttersprache in die deutsche Sprache übersetzt und weitere Tools, die eine Beeinträchtigung kompensieren und damit Teilhabe ermöglichen.
  • Die zweite Ebene beschreibt die Lernebene in Bezug auf die Individualisierung von Lernprozessen (Lernen MIT Medien 1). Die Schülerinnen und Schüler können in einem diklusiven Unterricht durch verschiedene (adaptive) Tools oder adaptiven Unterricht ein auf sie abgestimmtes individualisiertes Lernangebot erhalten.
  • Die dritte Ebene bezieht sich auf die Lerngruppe (Lernen MIT Medien 2) und beschreibt die diklusiven Möglichkeiten des Unterrichts in Bezug auf die Präsentation, Kollaboration, Kooperation usw. Hier werden digitale Medien als Werkzeug verwendet um bspw. eine Nachrichtensendung über das Corona-Virus, ein Buch über die Pflanzen in der Region oder eine Powerpoint-Präsentation über den Imperialismus zu erstellen.
  • Die vierte Ebene umreißt die Organisation von diklusivem Unterricht (LEHREN mit Medien). Damit ist insbesondere die Vorbereitung von differenziertem oder individualisiertem Unterrichtsmaterial durch digitale Tools oder auch die Zusammenarbeit über digitale Hilfen in multiprofessionellen Teams gemeint. Zudem kann mit digitalen Anwendungen ein Überblick über den Lernstand der Schülerinnen und Schüler ermittelt werden, der es der Lehrkraft wiederum erleichtert passgenauen Unterricht zu planen.
  • Die fünfte Ebene beschreibt übergreifend den soziokulturellen Kontext und damit die Förderung von Medienkompetenz zur Teilhabe an gesellschaftlichen Abläufen und Prozessen (Lernen ÜBER Medien). Auf dieser Ebene werden das Wissen über Medien, die zielgenaue, sozialverantwortliche Anwendung oder auch die ge-winnbringende Nutzung von Medien in das Blickfeld gerückt. Hierunter sind auch die KMK-Kompetenzen zu fassen, die in der Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ genauer spezifiziert werden (vgl. KMK 2016, S. 24).
Für vertiefende Informationen finden Sie hier weitere Beiträge zur Diklusion:

Weiterführende Literatur

Klafki, W. (2007). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Kullmann, H., Lütje-Klose, B. & Textor, A. (2014). Eine allgemeine Didaktik für inklusive Lerngruppen – fünf Leitprinzipien als Grundlage eines Bielefelder Ansatzes der inklusiven Didaktik (S. 89- 107). In B. Amrhein & M. Dziak-Mahler (Hrsg.): Fachdidaktik inklusiv. Auf der Suche nach didaktischen Leitlinien für den Umgang mit Vielfalt in der Schule. Reihe Lehrerinnenbildung gestalten, Band 3. Köln: Waxmann Verlag.
Petko, D. (2014). Einführung in die Mediendidaktik – Lehren und Lernen mit digitalen Medien, Weinheim/Basel: Beltz.
Powell, J. (2013). Kulturen der sonderpädagogischen Förderung und „schulische Behinderung“. Ein deutsch-amerikanischer Vergleich. In M. Hummrich & S. Rademacher (Hrsg.): Kulturvergleich in der qualitativen Forschung. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven und Analysen. Studien zur Schul- und Bildungsforschung, Bd. 37 (S. 139–154). Wiesbaden: Springer.
Schulz, L. (2018). Digitale Medien im Bereich Inklusion (S.344–367). In Lütje-Klose, B., Riecke-Baulecke, T. & Werning, R. (Hrsg.): Basiswissen Lehrerbildung: Inklusion in Schule und Unterricht, Grundlagen in der Sonderpädagogik. Seelze: Klett/Kallmeyer
Textor, A. (2015). Gemeinsam Lernen. Theoretische Grundlagen und didaktische Leitlinien für einen Inklusion unterstützenden Unterricht (S.37-59). In C. Fischer: (Keine) Angst vor Inklusion. Herausforderungen und Chancen gemeinsamen Lernens in der Schule. Münster: Waxmann.