Kreisdiagramm aus Menschen Henrik Sorensen/DigitalVision/GettyImages
Inklusion | Digitalisierung | Methoden

Diklusion: Anforderungen an einen Unterricht in heterogenen Lerngruppen

Lea Schulz
Lesedauer 04:06

Die Grundlage eines jeden inklusiven Unterrichts liegt darin, anzuerkennen, dass alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen einer Gruppe als inklusive Gemeinschaft gesehen werden, in denen alle Unterschiede akzeptiert werden. Diese Sichtweise ermöglicht es allen Gruppenmitgliedern sich gegenseitig anzuregen und voneinander zu lernen.

Die Beziehungsgestaltung und die Annahme aller Schülerinnen und Schüler in ihrer Diversität wird in der diklusiven Schule als zentraler Ausgangspunkt von Lernen betrachtet. Hierzu gehören eine inklusive Grundhaltung der beteiligten Lehrkräfte und ein positiver Umgang mit Vielfalt in der Klassengemeinschaft. Für einen diklusiven Unterricht sind gleichfalls digitale Kompetenzen der Lehrkräfte notwendig. Übertragen auf die notwendigen Kompetenzen in der diklusiven Schule lassen sich folgende Kompetenzen aufzeigen (vgl. Abb. 2), die für die folgenden didaktischen Ausführungen ein wichtiges Fundament bilden.



Unterricht in heterogenen Lerngruppen beschreibt ein stetiges Spannungsfeld zwischen der Individualisierung bzw. der Differenzierung der Inhalte für die Bedarfe der einzelnen Schülerinnen und Schüler und dem kooperativen Lernen, das die sozialen Interaktionen zwischen den Schülerinnen und Schülern einer Lerngruppe in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lerninhalt fördert und damit nicht nur soziale, sondern auch kognitive Lerneffekte initiiert.

 

Josef Leisen beschreibt drei Wege des Umgangs mit heterogenen Lerngruppen, die hier auf den diklusiven Unterricht übertragen werden sollen (vgl. Abb. 3):

  1. Differenzierung/Individualisierung
    Die Schülerinnen und Schüler erhalten individuelle oder differenzierte Aufgabenstellungen, die an ihren Lern-Entwicklungsstand angepasst sind. Dies schlägt sich häufig im Einsatz der klassischen Lern-Apps im Unterricht nieder. Jede Schülerin und jeder Schüler erarbeitet Inhalte, die gerade für sie/ihn relevant sind, um die nächste Lernstufe zu erreichen.
  2. Unterstützung
    Die Schülerinnen und Schüler erhalten alle dieselbe oder eine ähnliche Aufgabe, bekommen jedoch unterschiedliche Hilfen zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle kommen insbesondere die assistiven Medien zum Einsatz.
  3. Ko-Konstruktion/Kooperatives Lernen
    Beim kooperativen Lernen setzen sich die Lernenden gemeinsam in der Interaktion mit dem Lerngegenstand auseinander, erarbeiten neue Inhalte, diskutieren Lösungsansätze u. v. m. (vgl. Kap. 2.4 „Lernen mit Medien – Kooperation/Kollaboration“).



Diese von Leisen beschriebenen Bereiche werden ebenfalls im diklusiven Unterricht abgebildet. Im Folgenden werden die Individualisierung, Differenzierung und Personalisierung sowie Kooperation und Kollaboration genauer erläutert, da es sich um wesentliche unterrichtliche Prozesse im diklusiven Unterricht handelt.

  • Bei der Differenzierung von Unterricht wird der Lerninhalt für einzelne Teilgruppen der Klasse aufbereitet, hierbei können verschiedene Kriterien wie Leistungsvermögen, Konzentration, aktuelles Leistungsniveau, Motivation, Lesekenntnisse, Deutschkenntnisse usw. eine Rolle spielen. Die Lehrkraft hat die Möglichkeit auf erste Unterschiede anhand von Merkmalsbildung einzugehen.
  • Bei der Individualisierung, die häufig in der Planung nach der Differenzierung erfolgt, werden die Teilgruppen genauer betrachtet. Hierbei wird auf die einzelnen individuellen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler eingegangen.
  • Bei der Personalisierung des Unterrichts kann zudem erörtert werden, welche persönliche Entwicklung innerhalb des gewählten Lerngegenstands zu erwarten ist, das Lernen wird mit Interessen, Talenten und Leidenschaften verknüpft und es erfolgt eine hauptsächliche Steuerung durch den Lerner. Er hat Mitspracherecht in Bezug auf die Lerninhalte oder bestimmt Lernziele in seinem Lernplan.

Für heterogene Lerngruppen ist nicht nur die Integration individueller Aufgaben innerhalb des Unterrichts zielführend. Der inklusive Ansatz sollte gleichwohl individuelle Zielsetzungen auf der Grundlage des erfassten Lernstands sowie einer didaktischen förderdiagnostischen Planung erstellt werden. Dabei sollte sich die Individualisierung möglichst auf einen gemeinsamen Lerngegenstand beziehen. Digitale Medien können eine Unterstützung im Rahmen der Individualisierung von Unterricht darstellen. Sie können zum einen den Lernstand der Schülerinnen und Schüler feststellen zum anderen kann durch verschiedene Lernplattformen eine Erarbeitung von Lerninhalten in eigenem Lerntempo und auf dem eigenen Leistungsniveau stattfinden, bei dem die Lerner oft auch ein direktes Feedback erhalten.

 

Die Kooperation zwischen den Schülerinnen und Schülern als eine Möglichkeit in heterogenen Lerngruppen zu arbeiten, wird nun näher umschrieben. Das kooperative Lernen soll an dieser Stelle deutlich von einer „Gruppenarbeit“ abgegrenzt werden, in der Schülerinnen und Schüler zwar zu einem definierten Zeitpunkt zusammen eine Aufgabe erledigen, jedoch nicht zwangsläufig eine Kooperation stattfinden muss. Es geht beim Kooperativen Lernen darum, dass alle beteiligten Personen gemeinsam und im Austausch miteinander Kenntnisse sowie Fertigkeiten erwerben. Idealerweise sind alle Beteiligten gleichberechtigt am Lerngeschehen beteiligt.

 

Besonders in der Mediendidaktik ist dagegen der Begriff Kollaboration verbreitet. Im Vergleich der Begrifflichkeiten beschreibt Kooperation eher einen Arbeitsprozess, in dem der Einzelne einen Teilaspekt der Aufgabe bearbeitet und diese Teilaspekte am Ende zusammengeführt werden („Wissensteilung“). Während Kollaboration hingegen eine „konstruktive Wissensgenerierung“ beschreibt, wobei die einzelnen Schritte der Erarbeitung der Aufgabe sich nicht mehr den einzelnen Personen zuordnen lassen („gemeinsame Wissenskonstruktion“). Kooperative Prozesse sind durch einen hohen Anteil individueller Arbeitsphasen geprägt, während kollaborative Prozesse weniger individuelle Arbeitsphasen enthalten.


Beispiel „Tiere im Wald“

Die Schülerinnen und Schüler sollen im Sachunterricht in Kleingruppen von drei Schülerinnen/Schülern verschiedene Tiere im Wald kennenlernen und genauere Eigenschaften ausgewählter Tiere in einem Blog zusammenfassen.

 

Variante 1: Kooperative Zusammenarbeit („Wissensteilung“)

Die drei Schülerinnen/Schüler bekommen je zwei Tiere im Wald zugeteilt, zu denen sie jeder für sich im Internet und aus Büchern die verschiedenen Eigenschaften (Nahrung, Fortpflanzung, …) aufschreiben. Am Ende fügen sie ihre einzelnen Arbeiten gemeinsam in den Blog ein.

 

Variante 2: Kollaborative Zusammenarbeit („gemeinsame Wissenskonstruktion“)

Die drei Schülerinnen/Schüler recherchieren im Internet und wählen gemeinsam aus, welche Tiere im Wald sie genauer betrachten wollen. Sie überlegen gemeinschaftlich, wie sie die Informationen in dem Blogartikel am besten präsentieren können und entscheiden sich am Ende für eine Tabelle mit der Übersicht der verschiedenen Eigenschaften mit anschließendem Vergleich dieser. Hierfür recherchieren sie zwar zeitweise individuell, kommen aber immer wieder im Team zusammen, um die Eigenschaften der Tiere zu vergleichen und zu diskutieren. Das Ergebnis des Blog-Artikels ist „nicht vorhersagbar“, sondern abhängig von den Vereinbarungen in den einzelnen Gruppen.



Tipp

Eine sehr anschauliche Erklärung liefert Jöran Muuß-Merholz in seinem Erklärvideo zu Kollaboration vs. Kooperation.


Kooperation und Kollaboration lassen sich in das Ebenenmodell des diklusiven Lernens vorrangig auf der Stufe der Lerngruppe oder der Lernebene unter dem Aspekt „Lernen mit Medien“ wiederfinden. Viele relativ offen konzipierte Apps oder Anwendungen, wie bspw. Anwendungen zur Erstellung von Stop-Motion-Videos, Tagessschau-Moderationen über Green-Screen, Autorensoftware zur Erstellung gemeinsamer eBooks wie der Book Creator (bookcreator.com) oder Audio-Software zur Erstellung eines Podcasts lassen eine Reihe Optionen der kooperativen oder kollaborativen Zusammenarbeit offen.