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Fernunterricht | Methoden | Digitalisierung

Verzahnung von Präsenz- und Fernunterricht

Nikola Burkard mit Unterstützung von Franz Fischer
Lesedauer 02:16

Dass der Online-Unterricht besondere Herausforderungen mit sich bringt, ist in der letzten Zeit sehr klar geworden. Insbesondere Lehrkräfte müssen ihre Arbeitsroutinen und Ablagesysteme auf die neue Situation ausrichten, Parallelstrukturen vermeiden und dabei immer den Überblick behalten. Erfahren Sie im Folgenden, wie Sie Präsenz- und Fernunterricht sinnvoll verzahnen, ohne durch den Wechsel zwischen den Unterrichtsformen wertvolle Zeit oder die Aufmerksamkeit der Lernenden zu verlieren.

Wechselseitige Beziehungen

In der Corona-Pandemie wurden viele Schulen, Lehrende, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern vor besondere Herausforderungen gestellt. Neben ausschließlichem Fernunterricht wurde, aufgrund sinkender Inzidenzen, immer häufiger ein Wechsel zwischen Präsenz- und Onlineunterricht in den Schulen angeboten. Doch auch, wenn Unterricht vor Ort wieder uneingeschränkt möglich sein wird, werden sich sicher hybride Formate etabliert haben und in Zukunft häufiger zum Einsatz kommen.

 

 

Ganz gleich wie die exakten Auflagen in den Bundesländern und Schulen im Detail sind, häufig werden Sie mit geteilten Klassen zu tun haben, bei denen jeweils eine Lerngruppe circa 15 Schülerinnen und Schüler umfasst, damit Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden können. Dies hat zur Folge, dass die Lerngruppen sich im Wochenrhythmus abwechselnd in der Schule und im Fernunterricht befinden. Nicht zuletzt, um der Überforderung der Lehrkräfte durch doppelte Unterrichtslast vorzubeugen, benötigt es eine möglichst gute Verzahnung der beiden Phasen. Entscheidend hierfür ist, sich für das eigene Fach unter Berücksichtigung der Klassenzusammensetzung sowie des Leistungsniveaus zu überlegen, welche Ziele in welcher Phase am effektivsten erreichbar sind und daran die Schwerpunktsetzung in den einzelnen Wochen auszurichten. 

 

Praxisnahe Verzahnung

Hier finden Sie im Folgenden dargestellt, wie die Verteilung in groben Zügen aussehen könnte. Die teilweise Fokussierung auf den Fremdsprachenunterricht ist den Unterrichtsfächern der Autoren geschuldet.

Präsenzunterricht

  • lehrerseitige Erklärungen
    z.B. Einführung von neuem Wortschatz und neuer Grammatik, Darlegung von komplexen Sachverhalten, Abläufen oder Zusammenhängen 
  • Methodentraining
    z.B. Quellenanalyse, Gedichtinterpretation, Rechenverfahren
  • Sprechen (vom Platz aus)
    z.B. Unterrichtsgespräch, One-Minute Talks, Schülerpräsentationen, Mediation, Diskussion
  • Hör-Seh-Verstehen
    z.B. Präsentation von Video- oder Audiodokumenten mit offenen Fragen, spontanes mündliches Hypothesenbilden an Wendepunkten des Dokuments
  • Lesen
    z.B. Aussprachetraining durch Vorlesen, Textverständnis anhand offener Fragen und Unterrichtsgespräch

Fernunterricht

  • Wiederholen/Üben/Festigen
    z.B. Lückentexte, Formentraining, Quizze über www.learningapps.org, Wortschatztraining über www.quizlet.com, Phase6 o.Ä.
  • Schreiben
    z.B. Forumsdiskussion, Wiki, „klassische“ Textproduktion, Kreatives Schreiben, Mediation, Präsentation erstellen
  • Lesen
    z.B. Lektüre mit Leseportfolio, Leseverstehen mit geschlossenen Fragen inklusive Musterlösung zur Selbstkontrolle
  • Hör-Seh-Verstehen
    z.B. Bereitstellung von Video- oder Audiodokumenten mit geschlossenen Fragen inklusive Musterlösung zur Selbstkontrolle, Spielfilm über Streaming-Dienst mit Begleitdossier
  • Interaktive Lernspiele
    z.B. „Stadt im Mittelalter“, „Römerexperiment“ (Geschichte), „2 durch Deutschland“ (Geographie) oder „Aufgabentour Feuersalamander“ (Biologie) auf Planet Schule
  • Videokonferenzen/telefonische Rücksprachemöglichkeiten

Ergänzung nicht Abgrenzung

Neben der Fokussierung auf verschiedene Ziele, die in der jeweiligen Phase besonders gut umgesetzt werden können, ist es wichtig, dass sich die beiden Phasen sinnvoll ergänzen, wie beispielsweise:

  • In der Präsenzphase eingeführte neue Phänomene werden in der anschließenden Fernunterrichts-Phase weiter geübt
  • Diskussionen im Fernunterricht beziehen sich auf den in der Schule bereits angesprochenen Sachverhalt
  • Erarbeitung von Schülerpräsentationen, Diskussionsbeiträge oder dergleichen im Fernunterricht für die anschließende Präsentation im Präsenzunterricht

Flipped Classroom

Beim so genannten „umgekehrten Unterricht“ werden Lerninhalte selbstverantwortlich zuhause erarbeitet und im darauffolgenden Präsenzunterricht besprochen. Auch dieses Konzept kann im Wechselunterricht seine Anwendung finden. So ist es auch denkbar, die Erklärung von neuen Inhalten in der Phase des Fernunterrichts zu verorten, in der sich die Schüler:innen dann intensiv und in ihrem eigenen Tempo mit der von der Lehrkraft selbst erstellten oder ausgewählten Erklärvideos auseinandersetzen. Die Präsenzphase wird dann nicht für die Einführung von neuen Inhalten genutzt, sondern bietet den Raum für die Beantwortung von Verständnisfragen, die die Schülerinnen und Schüler während des Selbststudiums entwickelt haben, und für die vertiefende praktische Umsetzung der Inhalte in größer angelegten Lernaufgaben.

 

Es zeigt sich, dass die Mehrkanaligkeit über Lernplattformen und die etablierten Kontaktmöglichkeiten zu Ihrer Klasse aufrechterhalten werden müssen, beziehungsweise in Ihrem „Methodenkoffer“ aufbewahrt werden. Das ist einerseits hilfreich für den Fall, dass ein erneuter Rückgriff auf ausschließlichen Fernunterricht nötig werden sollte, und andererseits sind viele Aspekte des digitalen Lernens wie beispielsweise die Arbeit mit Wikis oder LearningApps.org auch bestens für den Einsatz im Präsenzunterricht geeignet.